Neukirchen

Äußerst ungewöhnlich ist die Geschichte des Dorfes Neukirchen, schließlich wäre hier vor rund 400 Jahren fast eine Stadt entstanden.
   Herzog Johann der Jüngere von Glücksburg erwarb 1618 mit dem Gut Nübel die „Wildnis am Strande“ und wollte am Eingang der Flensburger Förde einen Handelsplatz errichten, um eine Verbindung zu seinen Besitzungen auf der anderen Fördeseite zu schaffen und in Konkurrenz zu Flensburg Seehandel betreiben.
   In dem auf dem Reißbrett entworfenen Straßendorf, die jetzige Dorfstraße von Neukirchen, entstanden in „Nieby“, dem „Neuen Dorf“, 32 Häuser. Der Bau des Hafens begann, und parallel dazu errichtete er „etwa 800 Schritt westlich des Dorfes“ direkt an der Steilküste die „Neue Kirche“. Allerdings verstarb der Herzog 77jährig kurz vor Vollendung seiner neuen Kirche, und die erbberechtigten Söhne zerstritten sich. Zwar wurde die Kirche fertig gestellt, der Hafen aber nicht weiter gebaut - wohl auch, weil die Flensburger Kaufleute gegen die ungeliebte Konkurrenz an der Außenförde beim dänischen König protestiert hatten. Damit war das Projekt „Stadtgründung“ gestorben, und wegen fehlender Erwerbsmöglichkeiten wurden 12 Häuser abgerissen und nebst ihrer Bewohner in die Nähe von Glücksburg „verflüttet“ (umgesiedelt). Der Name „Neue Kirche“ (später Neukirchen) ging auf das mit der Einweihung der Kirche im Jahre 1622 gebildete Kirchspiel über. Dieses währte immerhin 370 Jahre, denn erst ab dem 1. Januar 1992 wurde Neukirchen Teil des Kirchspiels Quern-Neukirchen.
   Die Lebensbedingungen für die verbliebenen 20 bäuerlichen Familien waren anfangs äußerst dürftig und sehr ärmlich. Erst Nicolaus Oest, als fünfter Pastor von 1744-1798 in Neukirchen tätig und gleichzeitig als Mitglied der „Königlich Dänischen Ackerakademie“ ein versierter und anerkannter Agrar-Fachmann, griff dieses Dilemma auf. Er wollte die bisher gemeinsam genutzten Ländereien aufteilen und privatisieren, damit jeder seinen Fähigkeiten entsprechend den Boden optimaler bewirtschaften und dadurch die Erträge steigern würde. Erst nach 18jährigen intensiven Bemühungen gelang es ihm, alle „Dorfleute unter einen Hut zu bringen“. Die seinerzeit geschaffenen Verhältnisse und Strukturen dienten über fast zwei Jahrhunderte als akzeptable und den Anforderungen entsprechende Grundlage für die Landbewirtschaftung. Dieses änderte sich erst ab Mitte der 1950er Jahre durch die Technisierung einerseits und die Abwanderung von Arbeitskräften andererseits, auch „Landflucht“ genannt. Deshalb wurde 1964 eine Flurbereinigung eingeleitet, bei der Maßnahmen durchgeführt wurden, die die Landbewirtschaftung zwar erleichterten, den dramatischen Strukturwandel aber nicht aufhielten. Über Jahrhunderte erzielten stets 15-18 Familien - z. T. im Nebenerwerb - ihre Einkünfte aus den bäuerlichen Wirtschaften. Heute existiert gerade noch ein selbstständiger Landwirt in Neukirchen.
   Ein ständiges Problem Neukirchens war und bleibt die Steilküste, hier „Klüft“ genannt. Bei Hochwasser, besonders bei starkem und anhaltendem Ostwind, schlagen Wellen gegen den Fuß der Steilküste, und als Folge rutschen Erdmassen besonders dann nach, wenn der Boden durch starke Niederschläge und Staunässe aufgeweicht ist. Die größten Landverluste ergaben sich durch die Sturmflut vom 13. November 1872 mit anhaltenden Oststürmen und Wasserständen von mehr als 3 m über Normal. Neben verlorengegangenen Landflächen war auch ein Haus am Ende der Dorfstraße stark gefährdet, wurde abgebrochen und andernorts neu aufgebaut. Auch nach Jahrzehnten - und auch noch heute - kam und kommt es immer wieder zu Rutschungen, und als die Neukirchener Schule noch existierte, war es noch Anfang der 1950er Jahre üblich, dass Schulkinder in den Sportstunden - falls erforderlich - an abgerutschten Stellen der Klüft Weidenstecklinge nachpflanzten. Derartiges war durchaus erfolgreich, ist heute aus Gründen des Naturschutzes allerdings gesetzlich untersagt.
   Bedingt durch die Randlage war die Verkehrsanbindung immer schwierig. Seit der Gründungszeit existierte zwar eine Fährverbindung nach Broacker. Dieses war aber nicht ungefährlich, denn bei aufkommenden oder sich verstärkendem Stürmen konnten durchaus Unglücke passieren. Die Chronik enthält dazu Hinweise wie z. B.: „…mit einem Boot umgeworfen und ertrunken“. Einfacher war die Situation, wenn in strengen Wintern die Förde zufror - was häufiger geschah - und dann zu Fuß oder gar mit dem Pferdeschlitten passierbar war. Lohnend wurde dieses besonders dann, wenn ein im Eis festsitzendes Schiff mit Feuerung oder Lebensmitteln versorgt werden musste. Alternativen waren der Weg zu Fuß oder mit Pferd und Wagen nach Flensburg, was sich erst 1886 mit dem Bau der Kleinbahn von Kappeln nach Flensburg änderte. Grundlegend veränderte sich die Verkehrs-Infrastruktur erst, nachdem in den 1950er Jahren die Nordstraße und kurz danach die Kreisstraße, von Nübelfeld über Kalleby kommend, bis nach Neukirchen ausgebaut wurde. Hierdurch gerieten die alten Verkehrswege zu Fuß, mit Pferd und Wagen sowie „über Wasser“ zunehmend in Vergessenheit.
   Nicht nur, dass sich hierdurch die Mobilität total verbesserte, auch der Fremdenverkehr konnte sich entwickeln. Frei gewordene Zimmer wurden vermietet, Ferienwohnungen eingerichtet und z. T. neu gebaut. Anfang 2013 wohnten 120 Menschen mit erstem Wohnsitz in 41 Wohngebäuden, weitere 32 Häuser werden an Feriengäste vermietet oder dienen als Wochenendhäuser.
   Ein weiterer Versuch, eine ständige Schiffsverbindung nach Dänemark zu etablieren, blieb erneut ohne Erfolg. Eine Investorengruppe errichtete einen Anleger, an der ab 1978 Fähren festmachen konnten. Möglichkeiten, nach Sonderburg oder auch nach Aerö zu fahren und dabei zollfrei einzukaufen, waren besonders bei Rentnern beliebt und gerne genutzt, bis der zollfreie Einkauf bestimmter Waren entfiel. Das Ende der „Butterfahrten“ bedeutete 1994 auch das Aus für die Anlegestelle Neukirchen, heute erinnern nur noch die tief in den Boden gerammten massiven Edelhölzer an diese kurze Epoche.
   Nachdem im Bereich des alten Pastorats bzw. der Kirche bis Ende der 1990er Jahre ein sehr gut frequentiertes evangelisches Jugendheim betrieben wurde, findet dort seit einigen Jahren in den Sommerferien ein „Confi-Camp“ mit Vorkonfirmanden aus dem gesamten Kirchenkreis Flensburg-Schleswig statt. Kinder und Jugendliche sind es auch, die das seit 1968 bestehende Kreisjugendheim besuchen. Jährlich etwa 15.000 Übernachtungen - im Sommer überwiegend in Zelten - zählt diese Einrichtung des Kreises Schleswig-Flensburg, der auch im Winterhalbjahr 2013/14 die abgängigen Nurdach-Häuser durch zeitgemäße und komfortablere Schlafgelegenheiten ersetzt. Seit 1973 ist Neukirchen anerkannter Erholungsort mit einem von Naturliebhabern gern genutzten Badestrand, im Bereich der Schleuse ist seit einigen Jahren ein Hundestrand ausgewiesen, und quer durch den Ort verläuft der Küstenradwanderweg mit herrlichen Ausblicken auf die Außenförde bis nach Dänemark. Dieses hatte bereits der legendäre Pastor Oest erkannt, als er im 18. Jahrhundert folgendes schrieb:

            Die Wohnung und Aussicht gibt manches Vergnügen.
            Hier schiffreich Gewässer, dort Felder und Flur.
            Wo Sundewitt, Alsen und Sonderburg liegen,
            sind reizende Szenen der schönen Natur.

   Nach vielen Veränderungen im Laufe der Geschichte fusionierte Neukirchen 1970 mit weiteren Gemeinden zur Großgemeinde Quern und bildet seit dem 1. März 2013 einen Ortsteil der Gemeinde Steinbergkirche. Als einzige örtliche Einrichtung bestehen geblieben ist die 1890 gemeinsam mit Habernis gegründete Freiwillige Feuerwehr, die neben ihren eigentlichen Aufgaben auch heute noch das dörfliche Zusammenleben durch Aktivitäten positiv mit gestaltet. Gern genutzte Gelegenheiten, sich auf einen Schnack und mehr zu treffen, sind u. a. die folgenden schon zur Tradition gewordenen Ereignisse: Angrillen am Neujahrstag, Osterfeuer, das Oldietreffen an der Schleuse sowie der meistens Anfang August auf der gesamten Dorfstraße veranstaltete Flohmarkt. 

Claus P. Petersen    

 

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